Feuerbach vor 102 Jahren ...

Juni 1899


9. Juni

Blühende Trauben wurden gefunden. Liegenschaftsverkäufe im Gesamtumsatz von 120.604 M. Die Kollegien beraten über die neue Friedhofordnung. Es wird der Gehalt eines Leichenhaus- und Friedhofverwalters und Totengräbers (600 M nebst freier Wohnung) festgelegt.
Nach langem Für und Wider wird beschlossen, für einen abgängigen Kelterbaum eine moderne Presse anzuschaffen. In den Raum, den der Kelterbaum eingenommen hat, soll eine Remise für Kehr- und Kratzmaschinen, Schlammwagen und Karren eingerichtet werden; endlich soll ein oberer Boden für leichtere Weinzuber eingebaut werden.
Auf diesen Beschluss erfolgte ein energischer Protest in der „Feuerbacher Zeitung" von Seiten der Weingärtnerschaft.

16. Juni

In einer Kollegien-Sitzung wird bezug genommen auf den vorerwähnten Artikel der Weingärtner, die Aufstellungen darin als unwahr bezeichnet und zur Tagesordnung übergegangen. Genehmigung der Dohlenanlage in der Brand- und Geisstraße, ebenso in der Tunnelstraße (Voranschlag 4200M).
Beschlossen wird ferner die erledigte Polizeiwachtmeisterstelle auszuschreiben mit einem Anfanggehalt von 1400 M, der sich in je 2 Dienstjahren um 50 M steigert bis zum Höchstgehalt von 1500 M, nebst 30 M Stiefelgeld. Ferner sollen 3 weitere Polizeidiener mit einem Gehalt von 1000 M angestellt und die Nachtwächterstellen aufgehoben werden. Vom Kirchengemeinderat wird beantragt in der Friedhofordnung aufzunehmen, dass dem funktionierenden Geistlichen angezeigt werden müsse, wenn jemand bei einer Beerdigung eine Ansprache halten wolle. Ein dementsprechender Beschluss geht nur mit Mühe (Stichentscheid durch den Ortsvorstand) durch.
Beschlossen wird ferner einen ortspolizeiliche Vorschrift zu erlassen, der zufolge von nachts 10 Uhr ab nur noch mit Gummikugeln, von 11 Uhr ab gar nicht mehr gekegelt werden darf.

20. Juni

Im Pragsattel wird ein Ulane gefunden, dem ein Fuß abgefahren ist.
Tags darauf ist er seinen Verletzungen erlegen.

Juli 1899


3. Juli

Sitzung des Verschönerungsvereins. Die Anlagen im Burgenwäldle (750 M) finden allgemeinen Anklang. Größeres kann zunächst nicht unternommen werden, wegen Geldmangels. Beabsichtigt ist ein Abstieg vom Hornkopf auf den Korntalerweg. Am 28. Mai 1900 wurde diese Treppe fertiggestellt.

12. Juli

Es werden vom Gewerbeverein Unterhandlungen eingeleitet wegen Stromlieferung vom elektrischen Werk, Altbach her.

22. Juli

Ingenieur Taaks vom Altbacher Werk hält einen Vortrag über elektrische Energie in Erwartung eines Anschlusses der Gemeinde Feuerbach an dieses Unternehmen.

24. Juli

Beschluss der Kollegien, dass die Schülerbäder (eigentlich nur Douschen) in Wendel´s Badanstalt von der Gemeindekasse übernommen werden.

August 1899


5. August

Gewählt werden Polizeiwachtmeister Schiber, sie Polizeidiener Heinrich Epple, P. Fr. Ziegler und Albert Berger, sowie Totengräber Bergetz.
Gefärbte Trauben an einer Kamerz werden gemeldet.

21. August

Kindesmord. Im Abort des Wirtshauses „zur Kanne" wurde ein totes Kind gefunden, die unnatürliche Mutter wurde ermittelt und verhaftet.

23. August

Gründung der „literarischen Vereinigung".

25. August

Kollegialbeschluss: Nach Abtragung der Bellevuescheuer zeigt sich das „Spitäle" als reparaturbedürftig. Da es 240 M Mietzins abwirft, wird beschlossen von seiner Abtragung vorerst abzusehen und einige Hundert Mark auf seine Ausbesserung zu verwenden.

26. August

Kaisermanöver in Sicht (8.-10. Sept.) Einquartierung. Die Versteigerung des Obstes von den Gemeindegütern findet statt. Dasselbe wird geschätzt auf 497 Simri. Erlös aus denselben 1501 M 50 Pf (ca. 3 M pro Simri).

September 1899


3. September

Das sechzigjährige Jubelfest des „Liederkranzes". Festzug, Festreiter, Radfahrer, Musikkorps Feuerbach, Festdamen alte Standarte mit dem einzigen noch lebenden Sangesveteran aus der Zeit der Gründung zu Wagen, 18 auswärtige, 14 Feuerbacher Vereine.
Festplatz an der Weil im Dorfer-Straße, auf dem Baumgut des Ökonomen Jakob Haffner. Das Fest verlief glänzend bei bestem Wetter, ohne Störung und endete mit einem Ball im Bahnhotel.

7. September

Kaiserparade auf dem Cannstatter Exerzierplatz.

8. September

Liegenschaftsverkäufe: Gesamtumsatz 119.500 M.

16. September

Auf der photographischen Ausstellung in Stuttgart hat die Firma J. Hauff & Cie hier die goldene Medaille mit Ehren-Urkunde erhalten für verdienstvolle Leistungen und Erfindung photographischen Entwickler.

19. September

In der Fabrik der Firma Ziemann hier wurde heute einem Arbeiter ein Fuß abgeschlagen. In der Fabrik der Firma Haushahn wurde ein Arbeiter durch ein herunterfallendes Eisen sehr schwer verletzt.

22. September

Die Stadtgemeinde Stuttgart beabsichtigt in nächster Nähe unserer Markungsgrenze eine Fäkalgrube anzulegen. Es ist hiergegen von hiesiger Gemeinde Protest erhoben worden. Stuttgart ist aber auf seinem Vorhaben beharrt. Die Gemeinde Feuerbach beschließt nun, alles aufzubieten, um die Sache zu hintertreiben und beauftragt einen Rechtsanwalt mit der Angelegenheit.
Der Kirchengemeinderat beschließt bauliche Verbesserungen im Kirchtum vorzunehmen. Aufwand: 280 M. Auf Grund der Vereinbarung, die gelegentlich der Ausscheidung des Gemeinde- und Kirchenvermögens getroffen wurde, muss die Gemeinde die Hälfte der Summe tragen.
Der Kirchengemeinderat stellt des weiteren die Bitte, es möchte zur Ausbesserung der Pflasterung um die Kirche, da dieser Weg doch als öffentlicher Weg angesehen werden müsse, mehr als die verwilligten 200 M von seiten der Gemeinde genehmigt werden. In der Sitzung der bürgerlichen Kollegien wird beschlossen, die Bitte abzulehnen.

Oktober 1899


1. Oktober

Ein Bitte der hiesigen Volkschullehrer um Einführung einer örtlichen Gehaltsskala, sowie einer Aufbesserung der Gehalte der unständigen Lehrer wird genehmigt (die allgemeine Landesskala beträgt 1200-2000 M).

11. Oktober

Christ. Brauch, Schreinermeister und Adolf Falk, Drechslermeister erhalten das Ehrenzeichen für langjährige treue Dienste bei der Feuerwehr.

13. Oktober

Die Leistungen der Realschule entsprechen nicht den Erwartungen. Die Schüler aus der oberen Klasse (12-14jährig) werden beim Übertritt in Stuttgarter Parallelklassen wo sie die Ausbildung bis zum Einjährigen-Freiwilligen-Examen vollenden sollen, mit wenigen Ausnahmen nicht aufgenommen. Dagegen bezieht der oberste Lehrer mit 5-6 Schülern einen Gehalt von 3200 M, so dass auf einen Schüler ein öffentlicher Aufwand von 640 M jährlich kommt. Die Studienkommision ist auch der Meinung, dass die Realschule die gehegten Erwartungen nicht in vollem Maß erfülle, schlägt aber zunächst eine Schulgeldreduktion auf 24 M in den oberen und 16 M in den unteren Klassen vor. Es wird beschlossen, die oberen Klassen aufzuheben, sodass die Anstalt die Schüler bloß zum 10. Jahr ausbildet, von wo aus sie dann leichter in den Stuttgarter Klassen ausgebildet werden können, die Elementarklasse nach Jahrgängen zu teilen und 2 Lehrern zu übertragen, das Schulgeld auf 30 resp. 20 M zu ermäßigen, dabei aber sämtliche Freistellen aufzuheben. Dieser Beschluss wird dem Kultministerium Abteilung für Gelehrten und Realschulen vorgelegt.
Liegenschaftsverkäufe im Gesamtumsatz von 101.426 M. Sommertage im laufenden Jahr 51. Diese Zahl ist seit 1893 nicht mehr erreicht worden. Sie verteilen sich folgendermaßen: Mai 4, Juni 10, Juli 16, August 17; September 4. Trotzdem ist das Jahr für den Weinbau nicht günstig zu nennen, weil die Verteilung von Regen und Wärme nicht die richtige war.

16. Oktober

Ökonom Haffner will von der Verpflichtung die Hälfte der Farrenhaltung zu besorgen entbunden sein. Ökonom Karl Siegle übernimmt zu seiner Hälfte auch noch diese, beansprucht aber dafür neben dem Genuss des Ertrags der Farrengüter eine Entschädigung von 185 M p.J. (Jak. Haffner erhielt 115 M). Dieses Mehr erklärt Haffner draufzulegen. Sigle wird verpflichtet, stets 4 sprungfähige Farren zu halten.
Behufs Ausschreibung in den Zeitungen wird das heurige Weinquantum in Feuerbach auf 2000 hl taxiert.
Von Seiten der Lehrer an der Realschule wird auf die Beschuldigung geringer Leistungsfähigkeit der Schule erwidert und festzustellen gesucht, dass die Schule auf der Höhe ihrer Aufgabe stehe und soviel leiste, als von ihr erwartet werden könne, ebensowohl in den oberen wie in den unteren Klassen.

30. Oktober

Der Gewerbeverein, dem das Unternehmen von Altbach nicht leistungsfähig und sicher genug erscheint, schlägt vor, sich wegen Lieferung von elektrischer Kraft mit dem Stuttgarter Elektrizitätswerk in Verbindung zu setzen.
Der Gaspreis ist für Kraftmaschinen zu teuer, das Gas wegen seiner Feuergefährlichkeit nicht überall verwendbar, auch ist die hiesige Fabrik nicht groß und leistungsfähig genug. Die Bürgerlichen Kollegien sind im Prinzip mit Einführung von Elektrizität einverstanden, wollen aber ehe sie Stellung zur Sache nehmen, sich ganau zu informieren suchen, wie die Gewinnung von elektrischer Kraft unter Wahrung der Gemeindeinteressen am besten sich bewerkstelligen lasse.
Die Firma Kast & Ehinger hat den erforderlichen Platz zur Eröffnung der Cannstatter-Straße käuflich erworben und der Gemeinde gratis zur Verfügung gestellt. Sie Straße soll eine kurze Strecke ausgeführt werden. Der Kostenvoranschlag mit 7300 M wird genehmigt, zunächst von der Firma Kast & Ehinger getragen und später von der Gemeinde ersetzt.
Im Wirtshaus „zur Traube" wurde ein Einbruch verübt und 700 M gestohlen. Das neugebaute Weinberghäuschen des K. Niethammer brannte ab.
Auf Antrag des Vorstandes der Ortskkrankenkasse wird beschlossen, die Wartgelder der hiesigen Krankenhausärzte zu erhöhen, bei den zwei praktischen Ärzten von je 600 auf 700 und beim Wundarzt von 300 auf 400 M.
Die Kelterbäume wurden verkauft, Messgehalt 48,653 cbm. Erlös 1200 M. Der Sanitätswagen aus der Fabrik des Hoflieferanten Köhler & Cie zu Heidelberg ist angekommen.

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